Angeregt durch Patricks Artikel zu seiner bevorstehenden Musterung, wollte ich zunächst nur einen Kommentar hinterlassen. Ich denke, das würde den Rahmen sprengen und weite es gleich auf einen Artikel aus. Ich will niemanden vom Gedanken der Verweigerung abbringen, sondern lediglich meine Erfahrungen niederschreiben und weitverbreitete Vorurteile gegenüber der Wehrzeit entkräften (oder auch nicht).
Ich habe 2001 bis 2002 meinen Grundwehrdienst abgeleistet. Meine Grundausbildung habe ich in Schwerin, meine restliche Dienstzeit in Neubrandenburg verrichtet. Rückblickend gesehen, war es das Beste, was ich bisher erlebt habe. Nein, ich bin weder Waffennarr noch Militärfreak. Im Gegenteil. Auch ich hatte Panik vorm Bund und der Musterung. Das hat sich aber spätestens nach der Grundausbildung gelegt. Ich habe sehr viele nette Menschen kennengelernt und viel Spaß in der Kaserne gehabt.
Die Musterung
Die Musterung ist eine Untersuchung, die die körperlichen und Geistigen Eigenschaften feststellen soll. Also ein psychischer und physischer Test. Man wird vermessen, nimmt an allgemeinen und speziellen Computertests teil, muss ärztliche Untersuchungen über sich ergehen lassen und wird letztendlich als Wehrfähig oder -unfähig wieder nach Hause geschickt. Das kann schon einige Stunden dauern. Ich glaub bei mir waren es knapp vier. Detailiertere Infos bekommt man z. B. bei Wikipedia. Übrigens wurde der gefürchtete EKG (Eierkontrollgriff) bei mir nicht während der Musterung sondern erst später in der Kaserne durchgeführt ;)
Die Grundausbildung
Die zweimonatige Grundausbildung (allgemeine Grundausbildung kurz AGA) kann man als das ansehen, was man allgemeinhin als Drill bezeichnet. Wer den (meiner Meinung nach) grandiosen Film Full Metal Jacket gesehen hat, weiß wie die Neulinge gescheucht wurden. Ich glaube, jeder Ausbilder der Bundeswehr hat diesen Film gesehen und verinnerlicht. Sie wollen so sein wie "Hartman", sind es aber nicht. "Kameraden", die kaum älter sind als man selbst und dabei nur ein paar Monate länger dabei sind, haben es sich zur Aufgabe gemacht, Frischlinge durch die Gegend zu jagen und dabei billige Sprüche wie aus dem Witzbuch vom Stapel zu lassen. Spätestens nach einer Woche hat man raus, wie der Hase läuft und muss sich eigentlich nur noch das Lachen verkneifen. Man lernt neu, wie man geht ohne dem Vordermann auf der Pelle zu hängen (marschieren), ein bisschen Sport hier (30 km Märsche) ein bisschen Biwak dort. Nebenbei Waffenkunde und Dienstgrade lernen. Prädikat: Alles halb so schlimm.
Der Dienst an der Waffe
Jeder Soldat bekommt während der Grundausbildung ein Gewehr zugeteilt. Die behält man während dieser Zeit und muss immer schön darauf aufpassen (fehlt nur noch, dass man dem Gewehr einen Namen geben muss [vgl. Full Metal Jacket]. Ich persönlich hatte meine Waffe kaum in der Hand. Klar, ab und zu eine Schießübung, ansonsten schleppt man das Ding mit und fragt sich, wozu man es hat (außer zum putzen). Sicher gibt es Menschen, die von ihrer Einstellung niemals eine Waffe in die Hand nehmen oder können. Dagegen kann man nichts machen. Aber all jene, die nicht töten wollen, müssen das nicht. Niemand ist ja gezwungen, sich zu verpflichten (und damit automatisch für einen Auslandseinsatz zu qualifizieren). Die Grundwehrdienstzeit bekommt man auf jeden Fall rum ohne jemanden abgeballert zu haben ;)
Nach der AGA
Hier entscheidet es sich, ob der restliche militärische Weg einfach oder steinig sein wird. Steinig: Man kommt in eine Kampftruppe und rödelt wie bekloppt durch Matsch und Dreck. Einfach (wie bei mir): Es wartet der Stab (die Bürokratie der Bundeswehr). So lässig wie hier, habe ich nirgends gearbeitet. Es war zwar ein Generalstab (richtig hohe Tiere, wichtige Eigenschaften für die angrenzenden Truppen), aber gearbeitet wurde wie damals bei Apple zu ihren Garagenzeiten. Nichts von Drill. Nichts von Zwang. Klar, gibt es immer Regeln an die man sich halten muss, aber z. B. beim vielgelobten militärischen Gruß wurde man vom Oberst nur belächelt. Auf Deutsch gesagt war es Eierschaukeln vom Feinsten. Acht Monate (zu meiner Zeit) Zeit absitzen gegen ein bisschen Kohle.
Kameradschaft und so
Selten habe ich so einen Zusammenhalt (von sich fremden Menschen) erlebt wie bei der Grundwehrdienstzeit. Schon vom ersten Tag an hat man sich gegenseitig geholfen und unterstützt. Im Dienst war man treuer Kamerad. In der Zeit danach Freund. Natürlich gibt es in diesem Zusammenhang ein Vorurteil, welches ich persönlich bestätigen kann: Es wird gesoffen wie bekloppt. Fast jeder Abend war eine rauschende Party; ein Tag besser als der Andere. Dennoch war es nicht sinnloses rumsaufen. Man hat Spaß gehabt und die gemeinsame Zeit genossen. Und am nächsten Morgen waren wir meistens fit für den Morgenappell. Zusammen.
Ich habe nie meine Zeit bei der Bundeswehr bereut. Meine persönliche Meinung ist, dass man das einmal erlebt haben muss. Wie schon geschrieben, haben einige Menschen ernsthafte Hintergründe, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Das respektiere und akzeptiere ich. Aber ich kenne aus meinem Bekanntenkreis Einige, die einfach nur keinen Bock darauf haben. Sie wollen sich nicht schikanieren lassen und schon gar nicht durch Dreck robben. Ich finde, dass man vom ganzen militärischen Schnick-Schnack abgesehen, einiges fürs Leben lernen kann. Und sei es nur, wie man sein Bett bezieht oder seine T-Shirts faltet.
Der Dienst bei der Bundeswehr hat für viele einen faden Beigeschmack. Das meiste stützt sich aber meiner Meinung nach auf haltlose Klischees und Vorurteile. Bild dir deine eigene Meinung ;)
geschrieben: 25.01.2010, 21:50 Uhr • 3 Kommentare • Kategorie: Privat
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